Ob agrarische Rohstoffe wie Soja und Avocado, mineralische Rohstoffe wie Kobalt oder metallische Rohstoffe wie Aluminium (Bauxit): Ihre Gewinnung und Verarbeitung sind häufig mit erheblichen menschenrechtlichen Risiken verbunden. Landrechtskonflikte bei der Abholzung, Wasserknappheit aufgrund ressourcenintensiver Landwirtschaft oder Zwangs- und Kinderarbeit in Minen sind nur einige Beispiele, die den Begriff „Risikorohstoffe“ veranschaulichen.
Die zunehmende Unsicherheit auf den Rohstoffmärkten erfordert den Aufbau resiliente Lieferketten. Klimawandel, Biodiversitätskrise und die wachsende Nachfrage nach kritischen Rohstoffen verschärfen die Verfügbarkeitssituation, und wirken häufig als Risikotreiber insbesondere in Lieferketten, in denen Beschäftigte und lokale Gemeinschaften bereits erhöhten Risiken ausgesetzt sind.
Unternehmen, die ihre Rohstoffabhängigkeiten und ihre Risiken kennen und managen, können Engpässe frühzeitig erkennen, alternative Bezugsquellen sichern und die Versorgung stabilisieren – ein klarer Wettbewerbsvorteil in einem zunehmend volatilen Markt.
Zudem wächst der regulatorische Druck durch eine Vielzahl neuer Vorgaben, die ein Risikomanagement speziell für bestimmte Rohstoffe vorsehen – etwa die EU-Batterieverordnung („2023/1542 (BattVO)“) oder die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Produkte („2023/ 1115 (EUDR)“). Unternehmen sind verpflichtet, menschenrechtliche und ökologische Risiken in ihren Rohstofflieferketten systematisch zu identifizieren, zu bewerten und zu steuern. Verstöße können nicht nur zu umsatzbezogenen Bußgeldern, sondern auch zu hohen Aufwänden und Kosten infolge von Verkaufsverboten oder Rückrufverpflichtungen führen.
Parallel dazu erfordern eine Vielzahl weiterer Regularien, wie die Corporate Sustainability Due Diligence Directive („2024/1760 (CSDDD)“), die EU-Zwangsarbeitsverordnung („2024/3015 (EUFLR)“) oder den Uyghur Forced Labor Prevention Act („Public Law 117-78 (USFLPA)“) in den USA auch rohstoffunabhängig die Implementierung von Sorgfaltspflichten entlang der gesamten Lieferkette bis hin zur Rohstoffebene. Dieser Gleichlauf erfordert eine strategische Verzahnung von Prozessen, die in einem dynamischen regulatorischen Umfeld (siehe EU-Omnibuspakete) kontinuierlich überprüft und flexibel angepasst werden müssen.
Drei Schritte für ein systematisches Risikomanagement von Rohstoffen
Damit das Risikomanagement von Rohstoffen wirksam in der Praxis verankert wird, braucht es ein strukturiertes Vorgehen. Unsere Erfahrung in der Zusammenarbeit mit unseren Kund:innen hat uns gezeigt, dass sich die folgenden drei Schritte in der Praxis bewährt haben:
- Risikobehaftete Rohstoffe identifizieren
- Ambitionsniveau definieren und Handlungsfelder ableiten
- Rohstoffstrategien entwickeln
1. Risikobehaftete Rohstoffe identifizieren – Risiken systematisch erfassen
Im ersten Schritt gilt es, besonders risikobehaftete Rohstoffe im eigenen Portfolio zu identifizieren. Die menschenrechtlichen und umweltbezogenen Risiken eines Rohstoffs lassen sich am besten durch eine Kombination aus qualitativer und quantitativer Analyse ableiten (etwa mit Desktop Recherche und/oder statistischen Risikoanalysen des Portfolios).
Relevante Kriterien für die Identifizierung risikobehafteter Rohstoffe sind unter anderem:
- Gewinnungs- und Verarbeitungsmethoden, z.B. intensive Handarbeit oder saisonale Beschäftigung;
- Herkunftsländer, z.B. schwache Arbeitsrechte, politische Instabilität, Klimarisiken wie Dürren oder sinkende Wasserverfügbarkeit;
- Einkaufsdaten und Volumina, z.B. Lieferanten mit besonders großer Abhängigkeit, Rohstoffe mit hohen Einkaufsanteile.
Eine hohe Datentransparenz ist unerlässlich, um die Risikosituation zuverlässig einschätzen zu können. Bei fragmentierten Daten sollten Unternehmen gezielt in die Erhebung und Aufbereitung relevanter Informationen investieren. Nur mit einer belastbaren Datengrundlage lassen sich fundierte Entscheidungen treffen und wirksame Maßnahmen ableiten.
Zur Veranschaulichung der Schritte, hier einmal am Beispiel der Avocado. Die Risikoanalyse des Rohstoffs Avocado zeigt, dass bei der Erzeugung unter anderem folgende menschenrechtliche Risiken auftreten können:

2. Ambitionsniveau definieren und Handlungsfelder ableiten
Nach der Identifikation risikobehafteter Rohstoffe empfehlen wir, ein Ambitionsniveau für die menschenrechtliche Sorgfalt festzulegen – entweder für einzelne Risikorohstoffe oder für ganze Rohstoffgruppen. Dieses richtet sich an der jeweiligen Risikolage, den verfügbaren Ressourcen und der strategischen Ausrichtung und kann als Orientierung dienen, um geeignete Handlungsfelder abzuleiten.
Die Bandbreite eines Ambitionsniveaus reicht von einer grundlegenden Erfüllung gesetzlicher Mindeststandards über einen fortgeschrittenen Ansatz mit kontinuierlicher Verbesserung bis hin zu einem transformativen Engagement, bei dem Unternehmen eine führende Rolle übernehmen.
Die bewusste Entscheidung für ein Ambitionsniveau ist essenziell, denn sie beeinflusst maßgeblich die Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit des Risikomanagements.
Steht das Ambitionsniveau fest, erfolgt die Ableitung der Handlungsfelder auf Basis einer strukturierten Bestandaufnahme des Status quo:
- Welche Aktivitäten zum Management der Risikorohstoffe bestehen bereits?
- Welche internen Zuständigkeiten und Steuerungsprozesse greifen?
- Wo gibt es noch strukturelle Lücken oder operative Herausforderungen z. B. bei der Umsetzung vor Ort oder beim Monitoring der Lieferkette?
Auf dieser Basis kann für jeden risikobehafteten Rohstoff ein vertiefter Risiko- und Maßnahmencheck erfolgen, um klare Handlungsfelder zu definieren. Dabei sollten zentrale Risikotreiber – z.B. Landkonflikte, Wasserknappheit oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse –, existierende Maßnahmen (u.a. Einkaufspraktiken, Zertifikate, Branchendialog, etc.), sowie die Einhaltung regulatorischer Anforderungen, beispielsweise aus CSDDD oder EUDR betrachtet werden. Hier kann ein Blick auf das Vorgehen von Wettbewerbern auch wertvolle Impulse liefern, um mögliche Best Practices zu identifizieren.

3. Entwicklung der Rohstoffstrategie – Zielgerichtet und umsetzbar
Sind die Handlungsfelder definiert und das Ambitionsniveau festgelegt, folgt die konkrete Ausgestaltung des Risikomanagements. Sie umfasst die Formulierung konkreter Maßnahmen, die Festlegung von Zuständigkeiten sowie die Entwicklung realistischer Zielvorgaben und KPIs. Diese Maßnahmen sollen direkt auf die identifizierten Risiken einzahlen und strategisch im Unternehmen verankert werden.
Entscheidend ist, dass die Strategie in enger Einbindung relevanter interner Stakeholder – etwa aus Einkauf, Nachhaltigkeit, Recht oder Risikomanagement – entwickelt wird. Damit ist das Risikomanagement nicht nur theoretisch belastbar, sondern auch praktisch umsetzbar.
Risikomanagement der Risikorohstoffe als Schlüssel für verantwortungsvolles Handeln und nachhaltigen Erfolg
Das Risikomanagement von risikobehafteten Rohstoffen ist weit mehr als eine rechtliche Verpflichtung. Es ist ein zentraler Baustein für die nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherheit involvierter Unternehmen in einer global vernetzten Welt. Das Risikomanagement von Rohstoffen ist aber kein universelles Rezept – die konkrete Umsetzung hängt von Branche, Rohstoffportfolio, Ressourcen und strategischen Zielen ab. Genau deshalb hilft die strukturierte Vorgehensweise in drei Schritten: Sie bietet Orientierung, schafft Transparenz und ermöglicht priorisierte Maßnahmen.
Nur wer Risiken frühzeitig und systematisch identifiziert, klare Ambitionen formuliert und konkrete Maßnahmen umsetzt, stärkt die Resilienz der Lieferkette, erfüllt regulatorische Vorgaben und positioniert sich als verantwortungsbewusster Geschäftspartner.

