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    Menschenrechte

    Süßer Saft, bittere Realität? Die Herausforderungen der Fruchtsaft-Lieferkette

    In Deutschland zählen Fruchtsäfte zu den beliebtesten und meistgekauften Getränken. Der Pro Kopf Konsum von Fruchtsäften in Deutschland lag 2024 bei ca. 24 Litern pro Jahr. Um diesen Bedarf zu decken, wurden etwa 650.000 Tonnen Obst und Gemüse zu rund 2,77 Milliarden Liter Fruchtsaft, Fruchtnektar und stille Fruchtsaftgetränke verarbeitet. Auch im internationalen Vergleich stellt Deutschland einen bedeutenden Markt für Fruchtsäfte dar. So zählt Deutschland beispielsweise zu den größten Abnehmern von Orangensaft weltweit.

    24. März 2026

    Insbesondere im Lebensmittelsektor hat die Sensibilität für menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Dies ist nicht zuletzt auf eine Kombination aus verschärften gesetzlichen Anforderungen, wie dem deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), und einem gestiegenen Druck durch externe Stakeholder, darunter Nichtregierungsorganisationen (NGOs) oder kritische Verbraucher:innen, zurückzuführen. Infolgedessen haben sich besonders die Lebensmitteleinzelhändler verstärkt mit ihren landwirtschaftlichen Lieferketten auseinandergesetzt, um u.a. gesetzliche Anforderungen zu erfüllen und Reputationsrisiken zu minimieren. Lebensmitteleinzelhändler treiben dadurch wesentlich die Transparenzschaffung und Risikoreduktion in landwirtschaftlichen Lieferketten voran.

    Ein relevantes menschenrechtliches und umweltbezogenes Risikofeld innerhalb der landwirtschaftlichen Lieferketten liegt innerhalb den Warengruppen Obst und Gemüse. Hierbei liegt der Fokus von Maßnahmen bisher überwiegend auf unverarbeiteten Produkten, deren Herkunft und Produktionsbedingungen oft direkter nachvollziehbar erscheinen. Verarbeitete Lebensmittel wie etwa Fruchtsäfte, die komplexere Lieferketten mit mehreren Verarbeitungsstufen aufweisen, werden in dieser Hinsicht bisher oft weniger intensiv beleuchtet. Dies schafft eine potenzielle Lücke in der Sorgfaltspflicht von Unternehmen und birgt das Risiko, dass menschenrechtliche und umweltbezogene Probleme in diesen Segmenten unentdeckt bleiben oder sich sogar verschärfen. In der Vergangenheit haben Berichte von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wesentlich dazu beigetragen, auf gravierende menschenrechtliche Risiken in Fruchtsaft-Lieferketten hinzuweisen. Insbesondere die Produktion von Orangensaft in Ländern wie Brasilien war wiederholt Gegenstand von Berichten über prekäre Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, niedrige Löhne, mangelnden Gesundheitsschutz und erhebliche Umweltauswirkungen, wie den intensiven Einsatz von Pestiziden und Wasserknappheit.

    Wie ist die Fruchtsaftbranche aufgebaut?

    Die Produktion der Fruchtsaftbranche lässt sich vor allem in vier Produktkategorien unterteilen: Fruchtsaft, Fruchtnektar, stille Fruchtsaftgetränke und Fruchtsaftschorlen. Die Produktkategorien unterscheiden sich vor allem hinsichtlich ihres Fruchtgehalts, aber auch hinsichtlich des Zucker- und Zusatzstoffgehalts.

    Die Lieferkette für die oben genannten Produkte unterscheidet sich nur in wenigen Verarbeitungsschritten, sodass diese sich anhand einer Lieferkette darstellen lassen. Die relevanten Akteure lassen sich in fünf Wertschöpfungsschritte unterteilen.

    Aufbau der Fruchtsaftbranche
    1. Am Anfang der Lieferkette steht der Anbau der Rohstoffe. Die Landwirte oder Plantagenbetreiber bauen die Früchte an und ernten sie, sobald sie reif sind. Die Früchte werden sortiert und dann zu den Herstellern transportiert.
    2. Die Hersteller befinden sich meist noch in den Anbauländern, um weite Transportwege zu vermeiden. Bei den Herstellern werden die Früchte gewaschen, sortiert und gepresst. Darauf wird entweder Direktsaft hergestellt oder es findet eine weitere Verarbeitung zu Fruchtsaftkonzentrat statt. Nach der Herstellung wird der Fruchtsaft oder das Fruchtsaftkonzentrat in großen Kanistern bis zu den Abfüll-Unternehmen transportiert.
    3. Die Abfüllung erfolgt dann bei den Unternehmen, welche den Saft in entsprechende Flaschen oder Verpackungen für den Endkonsum abfüllen. Bei Säften aus Fruchtsaftkonzentrat wird das Fruchtsaftkonzentrat mit Wasser rückverdünnt und im Anschluss abgefüllt.
    4. Die fertigen Produkte werden dann schließlich an den Handel geliefert, welcher die Produkte zum Verkauf an die Endkonsument:innen bereitstellt.
    5. Im Einzelhandel haben die Verbraucher:innen die Wahl zwischen einem großen Sortiment verschiedener Fruchtsäfte.

    Beim Blick auf die Lieferkettenschritte zeigt sich, dass die größten Risiken vorwiegend in den ersten Wertschöpfungsstufen liegen, insbesondere im Anbau der Rohstoffe und deren erster Weiterverarbeitungsschritte z.B. dem Pressen der Früchte.

    Am Beispiel Orangensaft wird deutlich, welche konkreten Risiken in der Lieferkette auftreten:

    Menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken am Beispiel Orangensaft

    Ein Großteil der weltweit für die Orangensaftproduktion verwendeten Orangen stammt aus Brasilien. Ein relevanter Risikofaktor für menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken in der Herstellung von Orangensaft ist die starke Konzentration der Herstellerunternehmen in Brasilien, die einen Großteil der Produktion und des Exports kontrollieren. So vereinen drei multinationale Unternehmen rund 80% der globalen Saftproduktion unter sich. Diese Marktmacht verschafft den dominierenden Unternehmen erheblichen Einfluss auf Preise, Vertragsbedingungen und Produktionsstandards entlang der Lieferkette. Für kleine und mittlere Plantagenbetreiber führt dies zu einem hohen Preisdruck, einer eingeschränkten Verhandlungsmacht und begrenzten Möglichkeiten, eigene Nachhaltigkeits- oder Arbeitsstandards durchzusetzen.

    Menschenrechtliche Risiken

    In der Orangensaft-Lieferkette bestehen insbesondere im Rohstoffanbau und in den frühen Verarbeitungsstufen relevante menschenrechtliche Risiken. Der Anbau dient primär dem Export und Arbeits- und Sozialstandards werden aufgrund von Profitorientierung oftmals nicht konsequent durchgesetzt. Zu den zentralen Risiken zählen niedrige Löhne, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, lange Arbeitszeiten sowie ein mangelnder Zugang zu sozialer Absicherung für Erntearbeiter:innen. Darüber hinaus bestehen erhebliche Gesundheitsrisiken durch den Einsatz von Pestiziden, insbesondere durch unzureichende Schutzkleidung, Arbeitssicherheitsschulungen oder medizinische Versorgung.

    In einigen Anbauregionen tritt zudem auch informelle Beschäftigung auf und vereinzelt Kinderarbeit, insbesondere während arbeitsintensiver Ernteperioden. Auf Ebene der Verarbeitung und Herstellung können menschenrechtliche Risiken durch hohen Arbeitsdruck, unsichere Arbeitsbedingungen und die Auslagerung von Produktionsschritten an Subunternehmen entstehen, was die Transparenz und Kontrolle erschweren. Die starke Marktkonzentration in der globalen Orangensaftindustrie erhöht den Preisdruck entlang der Lieferkette und kann dazu beitragen, dass menschenrechtliche Standards auf vorgelagerten Stufen nicht ausreichend eingehalten werden.

    Umweltbezogene Risiken

    Neben den menschenrechtlichen Risiken führt der stark exportorientierte Anbau und die intensiv bewirtschafteten Plantagen auch zu umweltbezogenen Risiken. Diese entstehen meist durch einen hohen Wasserverbrauch und die Belastung lokaler Wasserressourcen. Zudem führt der Einsatz von aggressiven Pestiziden und Düngemitteln zu einer erheblichen Belastung von Böden, Gewässern und der Biodiversität, insbesondere in großflächigen Monokultursystemen. Darüber hinaus können Flächenausweitungen indirekt zu Entwaldung und langfristiger Bodendegradation beitragen. In der Verarbeitung und Herstellung entstehen weitere Umweltbelastungen durch hohe Energie- und Wasserverbräuche oder Abwasseraufkommen.

    Warum ist es für Unternehmen in der Fruchtsaftbranche relevant, sich mit ihren menschenrechtlichen und umweltbezogenen Risiken auseinanderzusetzen?

    Marktanforderungen

    Die Betrachtung der Lieferkette und ihrer relevanten Akteure verdeutlicht, dass Fruchtsafthersteller eng mit dem Handel verbunden sind, da sie für den Vertrieb ihrer Produkte auf Akteure des Lebensmitteleinzelhandels angewiesen sind. Damit haben die vom Handel formulierten Anforderungen an Nachhaltigkeit, Transparenz und Risikoreduktion unmittelbare Auswirkungen auf Unternehmen der Fruchtsaftbranche und werden entlang der Wertschöpfungskette an weitere vorgelagerte Akteure der Lebensmittelverarbeitung und -produktion weitergegeben.

    Der Lebensmitteleinzelhandel nimmt dabei zunehmend eine Vorreiterrolle ein, indem er verbindliche Umwelt- und Sozialstandards definiert und diese an seine Lieferanten adressiert. Aufgrund ihrer zentralen Position zwischen Rohstofflieferanten und Handel sind Fruchtsaftunternehmen und Abfüller in besonderem Maße gefordert, diese Erwartungen aufzugreifen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern. Für Fruchtsafthersteller ist es daher unerlässlich, Nachhaltigkeitsaspekte frühzeitig und systematisch in ihre Beschaffungs- und Produktionsprozesse zu integrieren.

    Regulierungsanforderungen

    Zur rechtlichen Verankerung des Schutzes von Menschenrechten und Umwelt in globalen Lieferketten wurden in den letzten Jahren verschiedene Regulierungen verabschiedet. In Deutschland gilt seit 2023 das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), auf EU-Ebene wird die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) diskutiert, und auch einzelne Länder wie die Schweiz haben eigene Lieferkettenregelungen eingeführt. Diese verpflichten Unternehmen zur Durchführung menschenrechtlicher Risikoanalysen entlang der Lieferkette, zur Umsetzung von Präventions- und Abhilfemaßnahmen sowie zur Einrichtung von Beschwerdeverfahren.

    Öffentlicher Druck

    Unabhängig von gesetzlichen Vorgaben verstärken immer mehr Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten aus strategischen und reputationsbezogenen Gründen. Sie reagieren damit auch auf die steigenden Erwartungen externer Stakeholder wie Kund:innen, Investoren, Wettbewerber und zivilgesellschaftlicher Organisationen.

    • Konsument:innen legen zunehmend Wert auf nachhaltige und fair hergestellte Produkte; transparente und ethische Lieferketten können Kaufentscheidungen positiv beeinflussen und die Markenbindung stärken, während öffentlich gewordene Missstände im schlimmsten Fall zu Boykotten führen.
    • Nichtregierungsorganisationen (NGOs) spielen zudem eine zentrale Rolle bei der Aufdeckung von Menschenrechts- und Umweltverstößen und prägen die öffentliche Meinungsbildung maßgeblich. Unternehmen, die proaktiv und transparent mit NGOs zusammenarbeiten, können lokale Gegebenheiten besser verstehen und glaubwürdige Maßnahmen zur Achtung der Menschenrechte entwickeln.
    • Auch Investoren berücksichtigen ESG-Kriterien zunehmend als wesentlichen Bestandteil ihrer Investitionsentscheidungen.

    Was können Unternehmen aus der Fruchtsaftbranche oder andere Lebensmittelproduzenten für ihr menschenrechtliches Risikomanagement tun?

    1. Transparenz und Risikomanagement in der Lieferkette aufbauen

    Lebensmittelhersteller sollten ihre Lieferketten systematisch erfassen und Transparenz über Herkunft, Produktionsbedingungen und mögliche menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken schaffen. Dies ermöglicht es, Risiken frühzeitig zu erkennen, gezielt zu steuern und den steigenden Transparenzanforderungen des Handels gerecht zu werden.

    2. Nachhaltigkeitsanforderungen des Handels in eigene Strukturen übersetzen

    Die vom Handel vorgegebenen Ziele und Standards sollten in unternehmensinterne Nachhaltigkeitsstrategien, Einkaufsrichtlinien und Prozesse integriert werden. So stellen Fruchtsafthersteller oder andere Lebensmittelproduzenten sicher, dass Nachhaltigkeit nicht nur als externe Anforderung, sondern als fester Bestandteil der Unternehmenssteuerung verankert ist.

    3. Lieferanten aktiv einbinden und weiterentwickeln

    Da viele Risiken in der vorgelagerten Lieferkette entstehen, sollten Lebensmittelhersteller ihre Lieferanten gezielt einbinden. Durch klare Erwartungen, langfristige Partnerschaften und unterstützende Maßnahmen können Anforderungen gemeinsam umgesetzt werden.

    Fazit

    Insgesamt zeigt sich, dass Nachhaltigkeit und Transparenz in der Lieferkette für die Fruchtsaftbranche zentrale Voraussetzungen für Zukunftsfähigkeit, Rechtssicherheit und gesellschaftliche Akzeptanz sind. Unternehmen, die menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken frühzeitig identifizieren und systematisch in ihre Beschaffungs- und Produktionsprozesse integrieren, stärken nicht nur ihre Resilienz, sondern auch das Vertrauen von Markt und Öffentlichkeit. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, Verantwortung zu übernehmen, bestehende Strukturen kritisch zu überprüfen und nachhaltige Lieferketten aktiv zu gestalten – für eine wettbewerbsfähige Branche und eine verantwortungsvolle Zukunft.

    Unternehmensberaterin Jenny Bellan im Austausch

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