Die Weichen werden gestellt: Neue Standards und erhöhte Verbindlichkeit
Die globale Klimapolitik und die Erwartungen an Unternehmen werden zunehmend konkreter. Ein zentraler Akteur ist hierbei die Science Based Targets Initiative (SBTi), die aktuell den 2. Draft des „Corporate Net Zero Standard 2.0“ pilotiert. Zusammen mit der Otto Group war Systain an dieser Pilotierung beteiligt und konnte einen tieferen Einblick in die Diskussionen zur Entwicklung des CNZS 2.0 erhalten und durch fachlichen Input die zukünftigen Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten.
Was bedeutet das konkret? Für den neuen Corporate Net Zero Standard wird erwartet, dass er verpflichtende Neutralisationsziele enthalten wird. Der zu neutralisierende Anteil an Emissionen könnte ab dem Jahr 2035 schrittweise ansteigen, um schon vor 2050 signifikante Mengen an Treibhausgasen aus der Atmosphäre zu entnehmen. Dabei wird eine klare Aufteilung der Verantwortlichkeiten diskutiert: Emissionen aus Scope 1 sollen von den Unternehmen selbst neutralisiert werden. Für Scope 3-Emissionen ist eine gemeinsame Neutralisation mit den Partnern in der Wertschöpfungskette angedacht, wobei die genaue Verteilung der Verantwortung noch final geklärt werden muss.
Parallel dazu arbeitet das GHG Protocol an der „Land Sector and Removals Guidance“, deren Veröffentlichung Ende Januar 2026 bevorsteht. Diese Richtlinie wird detaillierte Anforderungen an die Neutralisation im Kontext von Science Based Targets definieren und somit die Spielregeln weiter präzisieren. Die Veröffentlichung der Guidance wird erste Klarheit über verbindliche Anforderungen an Neutralisationsprojekte schaffen. Darüber hinaus werden die erwarteten Delegiertenrechtsakte in den nächsten Monaten spezifische Anforderungen an Neutralisationstechnologien stellen, die für den Handel im Rahmen des Carbon Removal Certification Framework (CRCF) relevant sind.
Wege aus der Atmosphäre: Nature-based vs. Technology-based Solutions
Die Neutralisation von THG-Emissionen, sprich das aktive Entfernen von CO2 aus der Atmosphäre, lässt sich grundsätzlich durch zwei Hauptkategorien von Lösungen umsetzen:
1. Nature-based Solutions (NBS): Natürliche Kohlenstoffsenken nutzen
Diese Lösungen nutzen natürliche Prozesse, um CO2 aus der Atmosphäre zu binden. Ein prominentes Beispiel ist die Aufforstung, bei der Bäume wachsen und CO2 in Biomasse (wie Holz) einlagern oder regenerative Methoden in der Landwirtschaft zur Anreicherung des Bodenkohlenstoffs.
- Vorteile: Nature-based Solutions sind oft kostengünstiger in der Umsetzung und aktuell breiter verfügbar, da die zugrundeliegenden Prozesse und Methoden etabliert sind.
- Nachteile: Die Verfügbarkeit ist langfristig begrenzt, da beispielsweise die Flächen für Aufforstung endlich sind. Ein weiterer kritischer Punkt ist die Dauerhaftigkeit der Speicherung: Wälder können durch Brände, Schädlinge oder Abholzung wieder zu CO2-Quellen werden, wodurch die Speicherung nicht dauerhaft garantiert ist.
2. Technology-based Solutions (TBS):
Innovative Technologien im Fokus
Diese Kategorie umfasst eine Reihe von innovativen Technologien, die darauf abzielen, CO2 direkt aus der Luft zu filtern oder aus industriellen Prozessen abzuscheiden und dauerhaft zu speichern. Beispiele hierfür sind:
- Direct Air Capture and Carbon Storage (DACCS): Hier wird CO2 direkt aus der Umgebungsluft gefiltert und anschließend unterirdisch gespeichert.
- BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage): Biomasse wird zur Energiegewinnung genutzt, die dabei entstehenden CO2-Emissionen werden abgeschieden und gespeichert.
- Biochar (Pflanzenkohle): Biomasse wird unter Sauerstoffmangel verkohlt und der in der Biomasse enthaltene Kohlenstoff in Biochar eingelagert. Anschließend kann sie zum Beispiel in der Landwirtschaft eingebracht werden oder für die Herstellung neuer Produkte genutzt werden. Je nach Einsatz der Biochar unterscheidet sich die Dauerhaftigkeit der Speicherung des Kohlenstoffs.
- Vorteile: Der größte Vorteil der Technology-based Solutions liegt in der potenziell deutlich längeren Dauerhaftigkeit der CO2-Speicherung, die viele Tausend Jahre betragen kann.
- Nachteile: Viele dieser Technologien befinden sich noch in der Entwicklungs- und Skalierungsphase, wodurch ihre derzeitige Verfügbarkeit stark begrenzt ist. Sie werden auch in Zukunft voraussichtlich teurer sein als Nature-based Solutions und stehen vor großen Herausforderungen, wie einem hohen Energiebedarf (insbesondere für DACCS) und der begrenzten Verfügbarkeit von erneuerbaren Energien für ihren Betrieb.
- Aktuelle Marktsituation: Während ein Großteil des Venture Capitals derzeit in die Skalierung von DACCS fließt und weltweit große Pilotprojekte umgesetzt werden, wird der Markt für derzeit verfügbare technologiebasierte Lösungen im Moment von Biochar dominiert. Das liegt daran, dass viele Technologien noch erhebliche Herausforderungen in Entwicklung und Skalierung bewältigen müssen.
Die drohende Lücke und die Notwendigkeit einer proaktiven Strategie
Analysen und Prognosen zeigen, dass in den Jahren 2035 bis 2050 eine deutliche Lücke zwischen dem Angebot an und der Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Carbon Removals erwartet wird. Wer sich dann erst um den Zugang kümmert, sieht sich sehr wahrscheinlich der Herausforderung gegenüber, notwendige Kapazitäten zu erhalten.
Zudem sehen wir auch Innovationspotentiale: Eine strategische Einbindung von Carbon Removals kann Geschäftsmodelle für Unternehmen erweitern und damit weitere Umsätze generieren, beispielsweise für Unternehmen, die in der Land- und Forstwirtschaft aktiv sind. Auch eine Nutzung von gebundenem Kohlenstoff für die Herstellung neuer Produkte kann für Unternehmen interessant sein, wenn daraus innovative Materialien wie Baustoffe oder Kunststoffe hergestellt werden. Für Unternehmen ist es daher wichtig, sich frühzeitig mit einer Strategie für den Umgang mit Neutralisation auseinanderzusetzen, um möglicherweise das eigene Geschäft zukunftsgerichtet weiterzuentwickeln und die Erfüllung der langfristigen Klimaziele zu ermöglichen. Denn auch, wenn kurzfristig die Rolle der Nachhaltigkeit unsicher scheint – langfristig wird die Rolle von Neutralisation von THG-Emissionen innerhalb nationaler Klimastrategien und der SBTi-Standards deutlich an Relevanz gewinnen.
Mit Systain auf Kurs: Ihre nachhaltige Net-Zero-Strategie
Genau hier setzt die Expertise von Systain an. Wir unterstützen Sie dabei, eine ausgewogene und passgenaue Strategie für die Neutralisation Ihrer THG-Emissionen zu entwickeln. Systain kann Ihnen dabei helfen, sich mit Blick auf externe Anforderungen durch die SBTi oder das GHG Protocol aufzustellen. Darüber hinaus unterstützen wir Sie dabei, die Potentiale der Neutralisation von THG-Emissionen strategisch für Ihr Geschäftsmodell zu bewerten und Carbon Removal Technologien wertschöpfend in Ihre Wertschöpfungskette zu integrieren.
Mit der richtigen Strategie können Sie von der Neutralisation von THG-Emissionen profitieren und somit Ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern – wir begleiten Sie dabei.
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