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    Menschenrechte

    Child Labour Monitoring and Remediation System als ganzheitlicher Ansatz zur Beendigung von Kinderarbeit

    Trotz umfangreicher Bemühungen ist Kinderarbeit in globalen Lieferketten immer noch weit verbreitet. Laut UNICEF waren 2024 weltweit fast 138 Millionen Kinder von Kinderarbeit betroffen, darunter ein Großteil im Landwirtschaftssektor. Die Ursachen für Kinderarbeit sind oft vielschichtig und komplex, sodass einzelne Maßnahmen in der Regel nicht die strukturellen Probleme dahinter adressieren.

    14. April 2026

    Für Unternehmen stellt dies eine große Herausforderung in der Adressierung von Kinderarbeitsrisiken dar. Gesetzliche Regulierungen wie die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) auf europäischer Ebene und das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) fordern Unternehmen verstärkt auf, sich mit den menschenrechtlichen Risiken in ihrer Lieferkette auseinandersetzen und Maßnahmen zur Risikoreduktion umzusetzen.

    Eine Möglichkeit Kinderarbeitsrisiken zu adressieren ist die Etablierung eines Child Labour Monitoring and Remediation Systems (CLMRS). Es stellt ein umfangreiches System dar, um Kinderarbeit frühzeitig zu erkennen und langfristig zu bekämpfen und wird aktuell vor allem in Kakao-Lieferketten umgesetzt.

    In diesem Beitrag möchten wir erläutern, warum sich Unternehmen genauer mit ihren Kinderarbeitsrisiken beschäftigen sollten und zeigen, dass CLMRS gegenüber punktuellen Maßnahmen einen strukturellen, präventiven Ansatz darstellt, der Kinderrechte schützt und menschenrechtliche Risiken reduziert.

    I. Das Problem der Kinderarbeit verstehen

    Unter Kinderarbeit versteht die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) alle Tätigkeiten von Kindern, die sie in ihrer Kindheit, ihren Bildungschancen und ihren Entwicklungsmöglichkeiten einschränken oder ihre Gesundheit und Sicherheit gefährden. Wichtig ist die Abgrenzung: Nicht jede Arbeit von Kindern ist automatisch Kinderarbeit. Child Work – etwa Mithilfe im Haushalt oder leichte Tätigkeiten im Familienbetrieb – kann, solange sie nicht gefährdend ist und nicht den Schulbesuch verhindert, unproblematisch sein. Das legale Mindestalter, ab dem Kinder arbeiten dürfen, variiert dabei je nach Land, liegt laut ILO-Konvention 138 jedoch bei 15 Jahren (für leichte Tätigkeiten bei 13 Jahren). Von Child Labour spricht man hingegen, wenn Arbeit Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Zu den schlimmsten Formen zählen laut ILO-Konvention 182 u. a. Sklaverei, Menschenhandel, Zwangsarbeit, sexuelle Ausbeutung, illegale Aktivitäten oder besonders gefährliche Arbeitsbedingungen.

    Grafik zu Kinderarbeit, bzw. Child Work vs. Child Labour

    Wie zu Beginn beschrieben, sind weltweit fast 138 Millionen Kinder von Kinderarbeit betroffen, darunter 61 % in der Landwirtschaft, etwa im Kakao- oder Kaffeeanbau, gefolgt vom Servicesektor (27%) und der Industrie (13%). Geographisch ist Sub-Sahara Afrika mit ca. 87 Millionen Kinderarbeitsfällen am stärksten betroffen.

    Doch was sind die Ursachen von Kinderarbeit?

    Kinderarbeit ist ein Symptom struktureller Probleme, meist aufgrund finanzieller Nöte der Familien, etwa wegen andauernder Armut, plötzlicher Krankheit oder dem Jobverlust des Hauptverdieners der Familie. Daher sind auch Kinder in migrantischen oder Fluchtkontexten besonders gefährdet, in Arbeit gezwungen zu werden.

    Kinderarbeit hat verheerende Folgen für die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder, ihre Bildungschancen und ihre Zukunftsaussichten. Gesellschaftlich führt Kinderarbeit zu einer Negativspirale: fehlende Bildung schwächt wirtschaftliche Perspektiven und Armut verfestigt sich.

    II. Was ist CLMRS und wie wird es von Unternehmen in der Praxis genutzt?

    Um Verstöße und Risiken von Kinderarbeit in ihren Lieferketten zu reduzieren, nutzen Unternehmen unterschiedliche Maßnahmen. Gängige Praxis in landwirtschaftlichen Lieferketten sind beispielsweise die Aussteuerung von Zertifikaten oder Audits. Doch gerade, weil Kinderarbeit strukturelle Ursachen hat, reichen punktuelle kontrollbasierte Instrumente oft nicht aus.

    Ein ganzheitlicher Ansatz ist hingegen das Child Labour Monitoring and Remediation System (CLMRS). Es wurde entwickelt, um Kinderarbeit in Lieferketten zu identifizieren und eine angemessene Unterstützung für die Behebung und Prävention auf lokaler Ebene bereitzustellen. Ein Faktor für die erfolgreiche Umsetzung ist ein kontinuierlicher Begleitprozess, bis die Fälle von Kinderarbeit behoben wurden.

    Das CLMRS besteht in der Regel aus vier relevanten Schritten, welche je nach Umsetzung der Unternehmen leicht angepasst werden:

    Grafik zu Child Labour Monitoring and Remediation System

    Ursprünglich wurde das CLMRS von der ILO entwickelt und von der International Cocoa Initiative (ICI) und Nestlé für die Kakaobranche angepasst. Dadurch hat das CLMRS vor allem im kleinbäuerlichen Agrarsektor und insbesondere im Kakaosektor an Bedeutung gewonnen. Dies ist einerseits auf die vielversprechenden Ergebnisse der Projekte zurückzuführen, andererseits auf verpflichtende Vorgaben von Akteuren wie der Rainforest Alliance oder der World Cocoa Foundation (WCF). Die Rainforest Alliance veröffentlichte beispielsweise im Jahr 2020 einen Nachhaltigkeitsstandard für die Landwirtschaft, welcher die Analyse und Bekämpfung von Kinderarbeit („assess and address“) als eines der Kernelemente festlegt. Für die Rainforest Alliance Zertifizierung in Ghana oder der Elfenbeinküste ist die Etablierung eines Systems zur Überwachung und Adressierung von Kinderarbeit damit eine explizite Anforderung für die kleinbäuerlichen Betriebe. Durch diese Entwicklung konnten bis 2020 25% aller Haushalte im Kakaoanbau in Ghana und der Elfenbeinküste durch CMLRS abgedeckt werden.

    Um zu verdeutlichen, wie ein solches System in der Praxis umgesetzt werden kann, werden die einzelnen Schritte anhand eines Beispiels verdeutlicht.

    Sensibilisierung

    Im ersten Schritt sollen potenziell Betroffene über die Gefahren von Kinderarbeit informiert werden. Um auf die Gefahren innerhalb der Gemeinschaft hinzuweisen, werden Schulungen mit den Landwirten, den Kindern und ihren Familien oder Gemeindemitgliedern durchgeführt. Zudem können Interviews mit den Familien durchgeführt werden.

    Identifizierung

    Im zweiten Schritt identifizieren Unternehmen sogenannte Hotspots, Bereiche mit einem hohen Risiko für Kinderarbeit, beispielsweise im Rahmen einer Risikoanalyse. Die Identifikation von Kinderarbeit in der Lieferkette wird mit Hilfe eines aktiven Überwachungsprozesses und standardisierter Datenerfassungsinstrumente analysiert. Am Beispiel Kakao werden hierfür die Herkünfte von Kakao identifiziert und gemeinsam mit lokalen Vertreter:innen der Gemeinschaften regelmäßig vor Ort Besuche durchgeführt. Bei diesen Besuchen werden Interviews mit Kindern, Familien, Gemeindemitgliedern und Arbeitskräften durchgeführt, um Fälle von Kinderarbeit zu erkennen.

    Prävention und Abhilfemaßnahmen

    Sollte bei dem Besuch vor Ort Kinderarbeit festgestellt werden, werden unterschiedliche Abhilfe und Präventionsmaßnahmen ausgesteuert. Diese werden von lokalen Vertreter:innen umgesetzt und können beispielsweise beinhalten:

    • Individuelle Pläne für betroffene Kinder (Rückführung in die Schule, Berufsausbildung, psychologische Unterstützung).
    • Unterstützung für Familien (Einkommensgenerierung, Mikrokredite, Zugang zu Sozialleistungen).
    • Gesundheitsversorgung und psychosoziale Betreuung.

    Um Fälle von Kinderarbeit in der Zukunft vorzubeugen, werden zudem unterschiedliche Präventionsmaßnahmen vor Ort ausgesteuert. Diese können beispielsweise umfassen:

    • Aufklärungskampagnen in Gemeinden
    • Verbesserung des Zugangs zu qualitativ hochwertiger Bildung
    • Stärkung der Rechte von Arbeitskräften und fairer Löhne
    • Schulungen für Lieferanten und Management.

    Nachverfolgung

    Im letzten Schritt finden eine regelmäßige Nachverfolgung und Überprüfung der Fälle von Kinderarbeit statt, bis diese schließlich eingestellt wurden.

    III. Implikationen für die unternehmerische Praxis, warum ist das CLMRS für Unternehmen interessant?  

    Völkerrechtlich gelten die Kernarbeitsnormen der ILO, insbesondere Konvention Nr. 138 (Mindestalter für Beschäftigung) und Nr. 182 (Verbot der schlimmsten Formen von Kinderarbeit). Diese internationalen Standards spiegeln sich zunehmend in verbindlichen regulatorischen Anforderungen entlang globaler Lieferketten wider: Auf europäischer Ebene verpflichtet die geplante Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) zur menschenrechtlichen Sorgfalt, in Deutschland gilt seit 2023 dasLieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG). Beide Regelwerke verlangen von Unternehmen, Kinderarbeitsrisiken in der Wertschöpfungskette systematisch zu identifizieren, präventive Maßnahmen zu ergreifen und im Falle von Verstößen wirksame Abhilfe zu leisten.

    Neben der Erfüllung rechtlicher Verpflichtungen bietet die Implementierung eines CLMRS auch aus unternehmerischer Perspektive Vorteile. Präventive Systeme tragen maßgeblich zum Reputationsschutz bei: Fälle von Kinderarbeit können das Vertrauen von Konsument:innen, Investor:innen und Geschäftspartner:innen nachhaltig beschädigen. Ein etabliertes CLMRS signalisiert hingegen Verantwortungsbewusstsein und stärkt die Glaubwürdigkeit von Nachhaltigkeits- und ESG-Strategien.

    Darüber hinaus erhöht ein systematischer Ansatz die Rechtssicherheit. Durch frühzeitige Risikoerkennung und dokumentierte Abhilfemaßnahmen reduzieren Unternehmen das Risiko von Bußgeldern, Gerichtsverfahren oder behördlichen Sanktionen im Rahmen von LkSG und CSDDD.

    Es zeigt sich: Prävention von Kinderarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil verantwortungsvoller Unternehmensführung. Sie schützt nicht nur Kinderrechte, sondern verbessert Stakeholder-Beziehungen und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Markt.

    Sowohl aus unternehmerischer, als auch aus entwicklungspolitischer Perspektive liegt der Mehrwert vor allem in der Langfristigkeit: Nachhaltiges Engagement stärkt die Lieferbeziehungen und fördert Partnerschaften mit lokalen Gemeinden und Stakeholdern, wodurch Unternehmen nicht nur von stabilen Lieferbeziehungen profitieren, sondern auch dazu befähigt sind, auf kritische Nachfragen von NGOs, Medien oder Konsument:innen mit belastbaren Fakten und gut dokumentierten, etablierten Prozessen zu reagieren.

    Die Erfolgsfaktoren für eine wirksame Umsetzung sind vielfältig:

    • Der kindzentrierte Ansatz stellt sicher, dass Maßnahmen das Wohl und die Rechte des Kindes ganzheitlich adressiert werden – von Prävention, über die Schaffung von Alternativen hin zu konsequenten Follow-Ups. 
    • Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, Bildungseinrichtungen, staatlichen Stellen und lokalen Gemeinden erhöhen die Reichweite und Legitimität. 
    • Transparenz und Vertrauen im Dialog mit den lokalen Gemeinschaften sind entscheidend, um Fälle überhaupt sichtbar zu machen.
    • Je mehr Akteure an einem Strang ziehen, desto wirksamer: Deshalb ist der Zusammenschluss von Unternehmen derselben Branche zu gemeinsamen Multi-Stakeholder-Initiativen sinnvoll, um branchenübergreifende Standards zu etablieren und mehr betroffene Kinder zu erreichen.

    Insgesamt zeigt sich: CLMRS ist keine kurzfristige Compliance-Maßnahme, sondern eine strategische Investition in verantwortungsvolle Unternehmensführung. Es verbindet die Wahrung von Kinderrechten mit unternehmerischer Risikominimierung und kann als stabile Grundlage für die Umsetzung weiterer menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten dienen.

    IV. Fazit und Ausblick

    Das Child Labour Monitoring and Remediation System (CLMRS) hat sich in der Praxis als wirkungsvolles Instrument im Kampf gegen Kinderarbeit erwiesen und bietet Unternehmen einen systematischen Ansatz, um Kinderarbeit wirksam zu bekämpfen. Der Ansatz verbindet Risikoanalyse, Prävention und Abhilfe auf lokaler Ebene und zeigt, dass verantwortungsvolle Unternehmensführung nicht nur regulatorische Pflichten erfüllt, sondern langfristig zur Stärkung von Lieferketten und Gemeinschaften beiträgt.

    Doch nachhaltige Veränderung gelingt nur gemeinsam: Unternehmen, Regierungen, Zivilgesellschaft und Konsument:innen tragen eine kollektive Verantwortung, Kinderrechte zu schützen und faire Arbeitsbedingungen zu fördern.

    Für Unternehmen bedeutet dies, Transparenz einzufordern, Partnerschaften zu stärken und Verantwortung entlang der gesamten Lieferkette aktiv zu übernehmen – nicht nur aus regulatorischer Pflicht, sondern als Bestandteil einer zukunftsfähigen und glaubwürdigen Unternehmensstrategie.

    Unternehmensberaterin Jenny Bellan im Austausch

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